Totale Sonnenfinsternis vom 29. März 2006

Bericht von Heinz Scsibrany
English Version
Bei sehr gutem Wetter konnte ich die Sonnenfinsternis am 29. März 2006 in Kumköy bei Side in der Türkei beobachten. Gemessen an der Dauer der Totalität und den Wetterbedingungen wäre die libysche Wüste zweifellos die bessere Wahl gewesen, allerdings zu dem doppelten Preis und bei geringerem Komfort. Insbesondere die im Oktober des Vorjahres von der libyschen Regierung beschlossene "Sonnenfinsternis Steuer" von 120 Euro pro Person überzeugte mich dann, daß die Türkei die vernünftigere Wahl ist. 

Mein Beobachtungsort war das Hotel Cesar's Resort, das eigens für die Sonnenfinsternis-Beobachter eine Woche früher die Wintersperre beendete.

Das rechte Bild zeigt die Hotelterrasse, mit einem Nachbau des Tempels, dessen Original sich in ca. 5 km Entfernung von der Hotelanlage befand.
Wie viele andere, wählte auch ich diese Terrasse als Beobachtungsort für die Sonnenfinsternis.

Die Koordinaten bestimmte ich mit Hilfe einer GPS-Maus zu:
36°48'07" Nord, 31°21'18" Ost
Diese Position lag weniger als 1,5 km westlich der Zentrallinie der Finsternis, was bei dem gegebenen Durchmesser des Kernschattens des Mondes von 168 km völlig vernachlässigt werden kann. 

Aus diesen Koordinaten konnte ich dann mit Hilfe einer verbesserten Version meines Programmes WinEclipse den Zeitpunkt des 2. und 3. Kontaktes der Sonnenfinsternis bestimmen:
2. Kontakt: 13:54:59 Uhr und 3. Kontakt: 13:58:46 Uhr
(jeweils in osteuropäischer Sommerzeit = MESZ + 1 Stunde)

(Als 2.Kontakt bezeichnet man den Beginn der totalen Phase und als 3.Kontakt deren Ende.) 



Das eigentlich bemerkenswerte an den folgenden, mit den Digitalkameras Olympus C2100 und C740 gemachten Aufnahmen ist, daß sie ohne jedes Zutun vollkommen automatisch entstanden. D.h. die beiden Digitalkameras wurden über die USB-Schnittstelle von einem Notebook Computer gesteuert.
Das hierzu notwendige Computerprogramm habe ich (unter ziemlichem Zeitdruck, weil der Fertigstellungstermin durch die Sonnenfinsternis vorgegeben war) in den vergangenen 3 Monaten entwickelt, wobei ich das von Olympus (http://developer.olympus.com) erhältliche sogenannte Software Developement Kit (SDK) zur Ansteuerung der Kameras verwendete. Dieses SDK ermöglicht im Prinzip eine vollständige Kontrolle der Kamera durch den Computer, insbesondere das Einstellen von Belichtungszeit, Blende, Zoom-Brennweite und natürlich das Auslösen einer Aufnahme.
Die Kameras waren auf einer Vixen Superpolaris Montierung befestigt, die die Nachführung mit einem Schrittmotor besorgte. Als Steuerungscomputer kam ein 3 1/2 Jahre alter Notebook mit AMD Mobilprozessor unter Windows XP zum Einsatz.

Am Morgen des 29. März, also ca. 4 Stunden vor der Finsternis stellte ich die Systemzeit des Computers mittels GPS möglichst genau ein, da hiervon das genaue Timing der automatischen Aufnahmen abhing.
Da der Computer ohne externe Stromversorgung auskommen mußte schaltete ich ihn erst ca. 8 Minuten vor der Totalität ein und steckte die USB-Kabel der beiden Kameras an, anschließend startete ich das Steuerungsprogramm. Zuletzt, ca. 2 Minuten vor dem 2.Kontakt entfernte ich die Sonnenfilter von den Objektiven der Kameras. Mit Erleichterung hörte ich ab 30 Sekunden vor dem 2.Kontakt das Klicken der beiden Kameras was mir zeigte, das ihre Steuerung durch den Computer funktionierte.

Somit konnte ich die Sonnenfinsternis völlig entspannt mit freiem Auge, durch den Sucher einer Spiegelreflexkamera und durch einen kleinen Feldstecher beobachten und nebenbei auch noch einige Aufnahmen mit der erwähnten Spiegelreflexkamera mit 500 mm Teleobjektiv auf 200 ASA Film machen.
Den 2. Kontakt verfolgte ich durch den Winkelsucher der Spiegelreflexkamera: Der letzte Sonnenrest erschien wie mit einer Rasierklinge in das Dunkel des Himmels geritzt. Dieser glühende Bogen schmolz von beiden Seiten her zusammen und löste sich zuletzt in einzelne Lichtpunkte auf, die sofort darauf auch verschwanden.

Die nebenstehende Aufnahme entstand 6 Sekunden vor dem 2.Kontakt.
Digitalkamera Olympus C2100
Belichtungszeit 1/800 s, Blende 3.5

Obenstehende Aufnahme entstand um 13:56:54 Uhr Ortszeit.
Digitalkamera Olympus C740
Belichtungszeit 1/8 s, Blende 3.7

Das Bild zeigt ausgeprägte Strahlen der Korona in der Äquatorebene der Sonne. Wegen der geringen Sonnenaktivität gab es wenig Störungen des Sonnenmagnetfeldes, wodurch die Korona an den magnetischen Polen der Sonne ihre geringste Ausdehnung zeigt.

Das Bild oben zeigt die innere Korona um 13:56:59 Uhr Ortszeit 
(also genau 2 Minuten nach dem 2.Kontakt)
Digitalkamera Olympus C2100
Belichtunsgzeit 1/250 s, Blende 3.5

Man erkennt die magnetischen Pole der Sonne an der geringen Dicke der Korona links oben und rechts unten.

Nebenstehende Aufnahme entstand um 13:58:47 Uhr Ortszeit, also ca. 1 Sekunde nach dem 3. Kontakt.

Digitalkamera Olympus C2100
Belichtungszeit 1/800 s, Blende 8

An den (in der Digitalkamera entstandenen) Strahlen kann man erkennen, daß zu dem Zeitpunkt gerade 4 Sonnenstrahlen durch besonders tiefe Mondtäler drangen.
Links neben den ersten Sonnenstrahlen sieht man die rot leuchtende Chromosphäre und eine kleine Protuberanz.

Die Tatsache, daß die ersten Sonnenstrahlen genau gegenüber der Stelle erschienen, wo bei Beginn der Totalität die letzten Sonnenstrahlen verschwunden sind, zeigt, daß der Beobachtungsort sehr nahe der Zentrallinie der Finsternis lag.

Da eine automatische Steuerung im Prinzip bei vielen Digitalkameras, insbesondere auch bei digitalen Spiegelreflexkameras möglich ist (sofern eine Unterstützung von Seiten des Herstellers gegeben ist), kann somit jede zukünftige Finsternis automatisch fotografiert werden, was den Beobachtern ein entspanntes Genießen dieses so seltenen Naturschauspiels ermöglichen sollte. Als zusätzliches Teil der Ausrüstung ist nur ein (Notebook) Computer mit USB-Anschluß (USB 1.1 ausreichend) notwendig.


Mit der Spiegelreflexkamera mit dem 500 mm Teleobjektiv, f:8 entstand nebenstehende Aufnahme.
Belichtungszeit: 1/2 Sekunde, 200 ASA Film

Auch hier sind die markanten Strahlen in der Korona zu sehen. Diese waren voallem auch bei der Betrachtung mit freiem Auge sehr auffällig und konnten bis zu einer Entfernung von 3 Sonnendurchmessern (vom Sonnenrand gemessen) erkannt werden.

Das Bild unten zeigt den Planeten Venus am total verfinsterten Himmel mit dem orange-roten Horizont (aus einem Video, das mit einer Olympus C765 während der Finsternis gemacht wurde).

Die rote Färbung des Horizontes resultiert daraus, weil der Bereich am Rand des Kernschattens (des Mondes) von der rot leuchtenden Chromosphäre der Sonne beleuchtet wird.


Das Bild oben zeigt die letzten Sonnenstrahlen und Protuberanzen beim 2. Kontakt.
500 mm Teleobjektiv, 200 ASA Film, 1/1000 Sekunde

Obenstehendes Bild zeigt die "Perlenkette" beim 3.Kontakt, gebildet aus den ersten 5 Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch besonders tiefe Mondtäler bahnen.
Aus dem Vergleich mit dem linken Bild kann man erkennen, daß die westliche Seite des Mondes deutlich "gebirgiger" ist als die östliche, wodurch deutlich mehr "Perlen" beim Ende der Totalität zu sehen sind (man kann sogar in der roten Chromosphäre der Sonne einzelne Unterbrechungen durch Mondberge erkennen).
500 mm Teleobjektiv, 200 ASA Film, 1/1000 Sekunde

Weitere Ergebnisse folgen noch sobald sie verfügbar sind !

Siehe auch: Sonnenfinsternisse 2006 bis 2009, Bilder der totalen Sonnenfinsternis am 21. Juni 2001 oder CCD-Astrophotos


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